desodorisierung und disziplinierung

*** dieser text ist ein auszug aus meiner magisterarbeit „a rose is a rose is a rose (gertrude stein) – geruchskostüme in der kunst“ und als replik auf den spon-artikelforschung gegen achselschweiß: dufte ideegedacht, dessen autorin mal wieder jeglichen eigengeruch aus der welt verdammen möchte und sich dabei als pr-püppi der parfümhersteller geriert.

intensiver dufteinsatz lässt heutzutage ein relativ einförmiges geruchsmuster entstehen. ein langer entwicklungsprozess der hygienevorstellungen und die ausbreitung der parfumindustrie, technische neuerungen, die alle lebensbereiche veränderten, trugen nach alain corbin zu einem prozess der desodorisierung bei. er sieht den ursprung dafür in einer kollektiven hyperästhesie, die etwa in der mitte des 18. jahrhunderts mit der zunehmenden industrialisierung und urbanisierung aufgekommen sei. mit welcher sorglosigkeit parfum derzeit aufgetragen wird, zeigt deutlich, wie wenig die konsumenten eigentlich über die inhaltsstoffe der lockstoffe wissen. in der hoffnung und dem felsenfesten glauben, sich von einem als „animalisch“ geltenden eigengeruch zu befreien, überschütten sie sich mit tierischen, pflanzlichen und künstlich erzeugten moschusgerüchen, ähnlich denjenigen, die über menschlichen duftdrüsen abgesondert werden.[1]

parfums gehören zu jenen gerüchen, die gezielt hergestellt werden, um menschen mit wohlgeruch und schamlosigkeit zu umgeben. ein gelungenes parfum verführt daher durch eine mixtur aus unnatürlichkeit und menscheln. unter animalisch duftenden, erotisch anziehenden stoffen versteht parfumeur paul jellinek jene, „deren geruch an den unseres körpers beziehungsweise seiner ausscheidungen erinnert.“[2] somit begeht der moderne, attraktiv duftende mensch zwei nahezu widersinnige handlungen nacheinander: zuerst entledigt er sich mit hilfe von parfümierten reinigungsmitteln seines eigengeruchs, um ihn sich nach dem abtrocknen in abgewandelter form erneut aufzutragen. in anderen kulturkreisen gehen die menschen unbefangener mit sexuell stimulierenden gerüchen um. japanische männer etwa brauchen bloß kleingeld in einen automaten einzuwerfen, auf einen knopf drücken, sich zu einem schlitz bücken und schon halten sie den einmal getragenen slip einer unbekannten jungen dame in den händen, mit dem sie sich schnüffelnd in das reich ihrer sexuellen phantasien befördern. so eignen sich gerüche wie bilder als onanistische vorlagen. der deutsche normalriecher mit halbwissen würde das bereits als geruchsfetischismus oder perversion diskreditieren.

ein blick oder mehrere atemzüge in einer drogerie belegen illustrativ, daß der moderne, deutsche mensch nicht auf seine abstammung aus dem tierreich verzichten kann, sie aber partout verleugnen möchte. in entlegenen winkeln solcher läden lassen sich dann schließlich eine minimale anzahl geruchsneutraler deodorants, kristalle oder waschmittel ohne zusatz von parfum finden. aber auch das bietet keine lösung, denn wohlgeruch gehört zum wohlbefinden. der zwangscharakter des riechens ergibt sich aus der körpernatur – ohne atemluft kein überleben. vielmehr hängt die lösung des duftbombardements weiterhin von qualität und menge ab.

die erwartungen moderner konsumenten an ein parfum reichen längst über das ästhetische genußerlebnis hinaus. parfums sollen helfen, schlechte laune in gute umschlagen zu lassen und die überdrüssige geistesverfassung zu wechseln wie ein kleidungsstück. parfumeure versuchen bei duftkreationen den jeweiligen zeitgeist in einem flakon einzufangen, durch den verbraucher mit einer einzigen fingerbewegung ihre erscheinung absichtsvoll ergänzen und ändern können. sie hinterlassen dann duftspuren, die ihr körpereigenes duftwesen mehr oder weniger effektvoll verkleiden. eine dusche reicht aus, um den leib auf einen neuen duftkokon – vergleichbar einem kostümwechsel – vorzubereiten. bedurfte die hygienische disziplinierung einst fremdzwängen, moralischer vehikel und drohungen mit dem gestank verbrannten sünderfleisches in der hölle, so ist sie augenblicklich zum genußakt geworden, in dem sich lust und sinnlichkeit im wundersamen einvernehmen mit der tugend etabliert haben und nach außen demonstriert werden. noch mitte des 20. jahrhunderts verkörperte die einhaltung der sauberkeitsregeln hingegen eine willensschulung:

man kann beweisen, daß ein mensch, der sich selten wäscht, völlig gesund bleiben kann oder nur einige unbedeutende lokale beschwerden aufweist. jedoch läßt sich offensichtlich feststellen: 1. daß es eine soziale notwendigkeit ist, sauber zu sein, und sei es nur wegen des unangenehmen geruches und des anblicks, mit denen unsaubere menschen andere konfrontieren; 2. daß körperliche sauberkeit einen einfluß auf die psyche hat; 3. daß schließlich der tägliche zwang zur körperpflege eine disziplin erfordert, die der erziehung des willens zuträglich ist und für innere ausgeglichenheit sorgt.[3]

sauberkeit heißt heute für die masse: totale unterdrückung von eigengeruch. moralische reinheit bedeutet analog: diktatur des willens und des intellekts über die gefühle. beides bleibt illusorisch.  duftkonsumenten versprechen sich von wohlgerüchen für körper, wohn- und arbeitsraum – über lust – vergnügen herzustellen, den geist atmosphärisch auf entspannung, harmonie, sexualität einzustimmen. deswegen sprechen duftexperten mittlerweile von funktioneller parfumerie. insgesamt impliziert diese geruchsentwicklung parallel zur entstehung des okularzentrismus eine ähnliche funktionalisierung. somit erweist sich die these der minder zugerichteten „niederen sinne“ von kamper und wulf als aus der luft gegriffen.


[1] dazu zählen geruchsstoffe des moschusochsen, der zibetkatze oder ein bestandteil aus jasmin absolue (indol). vgl.: jellinek, j. stephan (1995): „der planet der parfums im sternbild der düfte“. in: das riechen. von nasen, düften und gestank. kunst- und ausstellungshalle der bundesrepublik deutschland gmbh (hrsg.). schriftenreihe forum, bd. 5. göttingen 1995, s. 125.

[2] jellinek, paul: praktikum des modernen parfumeurs. heidelberg 1960, s. 197f.

[3] sédaillon, p.; soher, r.: précis d’hygiene et d’épidémiologie. paris 1949, s. 155. zit. n. vigarello, s. 251.

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