laubschleppe

laub

muttis kleiderschrank gnadenlos plündern, alles an- und ausprobieren, was in erreichbarer höhe lagerte, stundenlange kostümierungsspiele – das war ein teil meines kindlichen spieltriebs. teile davon (ich sage nur retro) haben sich bis heute erhalten, nur daß aus stunden minuten wurden, weil ich mir mit den jahren eine gewisse stilsicherheit aneignete. leider war damals alles entschieden zu weit, zu lang, zu bunt, zu kratzig, zu fellig, um über das vogelscheuchenartige verkleiden hinaus meinem körper in diese sackartigen formen zu gießen. in diese erfahrung reiht sich die bis zum erbrechen gebräuchliche redewendung wenn du mal groß bist… nun, noch immer ringe ich mit den unterschiedlich ausfallenden konfektionsgrößen. mal denke ich irrtümlich, ich hätte zugenommen, weil ich endlich mal in eine jeans größe 28 passe, dann schlottert wieder die 26 um meinen androgynen arsch. ich vermute dahinter eine taktik der modeindustrie, frauen durch unendliche maßvarianten ein gefühl von anorektischen oder adipösen ausmaßen zu vermitteln, je nachdem, welche marke oder welches herstellerland sich dahinter verbirgt. demnach müßten italienerinnen zum breiten becken neigen, während die französinnen den leib in baguetteform vererben. komischerweise sind diese umfänglichen divergenzen noch nicht dem eu-normierungswahn zum opfer gefallen. und nicht nur deshalb ist mode mit ein wenig geschick gelegentlich ein brillanter gaukler.

bodenlang waberten manche kostümjäckchen anfänglich um mich, später knielang, bis ich hineinwuchs. daran mußte ich denken, als ich beim spaziergang ein schleifendes geräusch hinter mir hörte. es kam mir so unvertraut vor, daß ich mich dezent umzublicken versuchte. jedoch um nicht halsstarrig neugierig zu wirken, übertrieb ich die drehung nicht. so glaubte ich zunächst, jemand würde einen sack hinter sich herzerren. als mich das geräusch einholte, blickte ich  einigermaßen erstaunt auf den ausgefransten saum eines bodenlangen, ursprünglich schwarzen ledermantels, der das trockene laub und den staub aufwirbelte. der xs-mann hatte extra für den xxl-mantel einen federgang einstudiert, so daß der stoff bei jedem schritt kurz über dem boden schwebte, nur um dann schleppend wieder blätter über den gehweg zu fegen. ich wünschte mir, daß alle hausmeister und gärtner dieser welt ihre nervtötetenden, lärmenden, umwelt verpestenden sauggeräte gegen solch praktische laubschleppen eintauschen würden (á la zauberlehrling – besen! besen! seids gewesen!). herrje, und kommt mir jetzt nicht mit dem tierschutz, es darf kunstleder sein. wenn alle passanten gothicmäntel trügen, wären sie endlich außen so schmutzig wie innen. außerdem sollten hochzeiten in traditionellen brautgewändern prinzipiell erst in der periode des ersten blätterfalls erlaubt sein, schleppenträger hingegen gehören der hausordnung halber verboten.

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