banausenbahnhof

kulturbahnhofverdutzt rieb ich meine augen, als ich aus dem ice-fenster auf dieses schild gaffte. ich bin lange nicht mehr bahn gefahren, sonst hätte ich wohl eher mal aufgemuckt. da liegen meine heimat und provinzielle kulturtouristische attraktionen, die man in ein bis zwei tagen ablaufen kann. goethe, die geheiligte schriftstellerleiche, und sein artgenosse schiller (wo ist nur sein schädel?) sowie eine sechsjährige bauhausepisode unter gropius reichten aus (jajaja – eine liste von weimarer persönlichkeiten findet man hier, nicht zu vergessen die derzeit dort lebenden wichtigen), um den titel kulturhauptstadt europas für das jahr 1999 einzuheimsen. das sollte zehn jahre lang keiner anderen deutschen stadt außer essen gelingen. auf den ruhmeszug sprang die deutsche bahn offenbar liebend gern auf. aber: dieser zug endet hier für kulturtrittbrettfahrer.

sicher, für ein kaff dieser größe (fast 65.000 einwohner) ist eine ganze menge los. das kann in den lokalblättchen schon mal eine spalte füllen (am wochenende auch mal zwei). wie vermisse ich die angebotsfülle von zitty und tip aus berlin, wenn ich auf das trostlose schild blicke. wer sich die ureinwohner und zugezogenen stolzen aus der dichter- und denkerstadt zum feinde wünscht, tituliert sie gern als weimaraner. die sehen bei william wegman dann schon mal so kreakultürlich inszeniert aus.

Wegman_Basic_shapes_Color

(c) art knowledge news

die ortsansässige verwandtschaft berichtet hinter vorgehaltener hand vom schildbürgerstreich, der da ab 20 uhr von reisenden die benutzung des bahnhofshinterausgangs erzwingt. aus sicherheitsgründen und außer sichtweite von banausen tappt der mit koffern bewappnete über  unzählige treppen einen schier nicht enden wollenden umweg. ach hätt‘ ich doch die hälfte des kofferinhalts zu hause gelassen, grummelt der ermüdete geist des  geschwind schwächelnden menschlichen kofferkulis. nachdem nun der per lautsprecher herzlich willkommene buckelnde am verschlossenen haupteingang vorbeischlurft, da dies nun mal sein weg ist, müßte man ihn pflichtbewußt an dieser stelle mit einer augenbinde versehen, wollte man das durch und durch kultiviert kalkulierte spiel auf die spitze treiben. denn ja, räusper, tuschel, wisper, heimlichtu, da wuchert alkoholisiertes volk wie unkraut zwischen den in feinste quadratformen beschnittenen hecken. das soll die welt nicht sehen, denn was soll die welt sonst von weimar denken? etwa sprittis gibt es überall? mindestens so fataaaaal wie bei kalkofes mattscheibe. liebe weimarer! wo es kultur gibt, rinnt meistens auch alkohol. und nicht zu knapp.  eure nüchternheit verliert ihr am hellerlichten tag nur beim vernissage- und finissage-hopping in gepflegtem ambiente. aber auch der ein oder andere unter euch landet auf dem heimweg blau wie eine haubitze im gebüsch. ob bossanzug oder kleiderkammerjeans, die teile sind hinterher hinüber. immer schön haltung, werte und fassade wahren. hicks! ach mist, jetzt hat mich ein geräusch verraten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s