lichtfest leipzig oder der staatsfeind in uns

um den beginn der friedlichen revolution werden ja noch heute geschichten gerankt. so soll der bundeshorst, gerne auch mal klaus genannt, beim festakt im gewandhaus auf den historischen putz gehauen haben, weil sein redenschreiber offensichtlich eine publikation einbezog, die sich nicht auf fakten, sondern auf ddr-staatsgewaltliche ondits berief. die mündliche und schriftliche geschichtsverzerrung war, bleibt und wird. am unrechtssystem ändert das wenig.

tatort gewandhaus: wo sich köhler mit seiner rede zum horst machte.

tatort gewandhaus: wo sich köhler mit seiner rede zum horst machte.

vor 20 jahren wagten viele die rebellion. unter ihnen meine wenigkeit auf den straßen von weimar. im nacken die angst. im visier die rekruten der staatsmacht, die wasserwerfer. ausgang ungewiss. der zivile ungehorsam, die zahl der staatsfeinde hatte ein maß erreicht, dem die volkstruppen hilflos gegenüber standen und in die augen von angehörigen und freunden sahen. keine-gewalt-rufe versus gerüchte um panzer und schießbefehl. das ende kennen wir, die wir die ddr überdauerten. ich weine ihr keine träne nach.

mit teelichtern wurde die zahl 89 geformt. sympathisanten der revolution ließen in den fenstern ihrer wohnung damals kerzen brennen.

mit teelichtern wurde auf dem augustusplatz die zahl 89 geformt. sympathisanten der revolution ließen in den fenstern ihrer wohnung damals kerzen brennen.

mit dem lichtfest 2009 wurde gestern in leipzig versucht, ein bißchen glanz, glamour und gloria zu verbreiten. die herde trampelte fleißig die strecke der montagsdemonstrationen ab, vorbei an licht- und klanginstallationen, theaterperformance und konzerten. ich habe keine ahnung, auf wie vielen bildern ich zufällig geknipst wurde. denn der kampf ums beste bild erforderte von den professionellen bebilderern enorme leidensfähigkeit.

fotograf

untertan der bilder

knien für ein scharfes foto vom kerzenlicht vor dem stasimuseum gehörte noch zu den leichteren übungen. die medienmeute buckelte für ihre beute kameraequipment und tontechnik, stative und objektive. wohingegen ich mich mit der leichtigkeit der unschärfe zufrieden gab, was flexible ausweichmanöver im bad der menge ungemein vereinfachte und meinen lädierten rücken schonte.

IMG_0942diese performance des kto-theaters aus krakau sorgte bei vielen besuchern für ratlosigkeit. die zu skulpturen erstarrten menschen stellen emigranten und flüchtlinge in unterschiedlichen epochen der jüngeren vergangenheit dar.

emigrantendie inszenierung entstand unter der leitung von jerzy zon und knüpft an die tradition der gespräche am runden tisch zwischen vertretern der damaligen arbeiterpartei und der oppositionsbewegung solidarność an, die 1989 in den ehemaligen ostblockländern den politischen wandel einleitete.

IMG_0959während auf dem hauptbahnhof eine gruppe nachwendekinder in anlehnung an den kanzlerinnen-flash-mob und alle so… yeah die verbale konfrontation mit bundesgrenzschutzbeamten suchte, sich dann aber wieder als demonstranten in die allgemeine volksbelustigung mengte, wurden die alkoholbestände der supermärkte im bahnhof von vorwiegend minderjährig wirkenden regelrecht ausgeplündert.

das ganze blinkzeug erinnerte mich irgendwie an eine mischung protziger weihnachtsbeleuchtung und überflüssige leuchtreklame. nicht so die klanginstallaltion von marek brandt am bahnhof, der es mit seiner collage static transit von originalgeräuschen und soundfrickelei schaffte, daß sich meine nackenhaare aufstellten und die damalige stimmung der angst und unsicherheit evozierte.

IMG_0962alle anwesenden wurden un/freiwillig teil des künstlerischen gesamtkonzepts, ob nur ihre fahrradreflektoren das licht spiegelten oder ihr gedenkmarsch von den zahlreichen überwachungskameras am ring aufgezeichnet oder ihr gesicht plötzlich von einer der absichtsvoll aufgestellten kameras eingefangen und auf großbildleinwände gebeamt wurde. alles ganz legal und unter stasi-2.0-kontrolle.

IMG_0970medienkunstprofessor joachim blank zweckentfremdete das einstige propagandainstrument am robotrongebäude zur lichtkugel ganz inhaltsfrei von politischem, jedoch nicht ohne subtil den umgang mit der vergangenheit zu hinterfragen.

IMG_0969auch die künstlerin ute richter möchte am bildermuseum die symbolik des historischen einheitshändedrucks in der scheinheiligen demokratie neu verorten. allerdings empfand ich bei dessen anblick einen fauligen, faden  beigeschmack.

IMG_0993bei den lichtsäulen am goerdelerring haben wir dann noch unsere dunklen seiten entdeckt, bevor wir an der runden ecke ankamen, der ehemaligen stasizentrale in leipzig. dort ließ via levandowsky die konfettikanone mit 30.000 visitenkarten knallen, auf denen jeweils der deckname eines inoffiziellen mitarbeiters und sein beruf stand. nicht nur die birthler-behörde wird noch lange in den akten nach tätern und opfern suchen. wenn ich bedenke, daß einige geheimakten über und von lenin und stalin mehr als 50 jahre in geheimarchiven verrotteten, ehe sie der forschung zugänglich gemacht wurden oder in anbetracht des zerrigen affentänzchens von helmut kohl, stanislaw tillich, gregor gysi oder angela merkel steht zu bezweifeln, ob ich den tag selbst jemals erleben werde, an dem die akten vollständig für die öffentlichkeit überpüfbar werden. bis dahin tappen wir alle mal mehr, mal weniger im historischen dunkeln.

2 Antworten zu “lichtfest leipzig oder der staatsfeind in uns

  1. lieber herr wortfeile,
    was hatten sie denn gerade schlechtes im mund als sie den handschlag sahen? die mischung ihres berichtes samt weihnachtsbeleuchtung find ich gut. herzliche grüsse, ute richter

    • liebe frau richter,

      ich denke an unreifen apfel mit bittermandeln, wobei ich es im nachgang nicht mehr genau definieren kann. ich schätze ihre idee sehr wohl, denke aber, daß es etwa noch mal 20 jahre dauern wird, bis diese ollen sed-signalzeichen etwas weniger mit demagogischen hintergründen belastet sind. der händedruck sah aber trotzdem gut aus, etwas weicher und einladender als früher. ich wünsche mir für die zukunft, daß die staaten von ihren bewohnern weniger erzwingen.
      gute grüße

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