jedem tierchen sein pläsierchen

jahnallee2nur durch zufall habe ich neulich das ehemalige wohnhaus des schriftstellers und verlegers edwin bormann in der jahnallee 26 (ehem. ranstädter steinweg 56c) entdeckt, denn eigentlich sprang mit nur die außergewöhnliche fassadenwerbung im street-art-style vom gegenüberliegenden radweg in die augen, so daß ich wendete und mir das doch mal genauer anschauen wollte. bormann lebte von 1851 bis 1912 mit unterbrechungen in leipzig und ist vor allem lokal für seine sächsischen mundartgedichte bekannt, beherrschte aber auch das hochdeutsche und schrieb prosatexte. 1888 erschien sein gedichtband unter dem titel ein jedes tierchen hat sein pläsierchen, der als redewendung in den deutschen sprachschatz einging. im anbetracht des 20. jahrestags der friedlichen revolution (auf arte ist  online noch bis zum 1. oktober das sehenswerte dokudrama das wunder von leipzig über die montagsdemonstrationen in leipzig verfügbar) und im hinblick auf die gestrigen wahlergebnisse scheint es angebracht, ein gedicht von bormann zu zitieren:

leibz’ger vandalen-lied

allen gleichgesinnten gemiedern
in berserkerhafter hochachdungk gewidmet

mir sinn vandalen. unser wahlspruch schreibt sich
reißt weg, was friehre zeiden hamm gebaut!
un wo mir sehn ä stickchen aldes leibzig,
da iewerleeft uns gleich de gänsehaut.
de hacke her, den spaden!
fort, immer fort mit schaden!
mit „bideet“ un sowas bleibt uns fern,
mir sin sie nämlich dorch un dorch modern.

mit welch erhawnen demolier-gefiehle
spaziert sich’s alleweile dorch de stadt.
besondersch seit mer uf den hiesigen briehle
die vielen neien prachtgebeide hat.
stadt der musiek, du hehre,
du reddest deine ehre:
du bist fer ew’ge zeiden scheene ‚raus.
seitdem beseidigt ’s richard-wagner-haus.

wer bildungk hat, der is sich längkst in klaren,
wie’s mit der fresgo-malerei bewandt:
’s is, wenn de maler eel un leinwand sparen
un schmier’n de farwen uf de nack’ge wand.
was volle fimf jahrhundert
der leibz’ger plebs bewundert.
das schmissen mir, die mir gebildet sein,
verständnisvoll mitsammt den kreizgangk ein.

nischt gibbt’s, was mehr modernen sinn beleidigt
als wie äh friedhof, der de nich mehr nei:
drum word‘ der alde krämbel schnell beseidigt –
was gehen uns leide an, die längkst vorbei?
mit gellerden un bachen
dat, ach! mer ausnahm‘ machen:
doch uf den andern trambelt’s buwligum
nu mir nischt dir nischt mit den stieweln ‚rum.

so schreiden mir verklärt von dat ze daden.
wo’s arweit gibbt, gleich simmer da im nu:
schon bau’n mer voll än deel der promenaden,
un nächstens fill’n mer ooch den schwandeich zu.
dut ja eich nich schenieren
un jeden berg planieren!
längst hammer preller’sch binsel uf’en strich;
dadrum vergeßt mer’sch reem’sche heischen nich!

denn leider dut ja viel noch existieren,
was ä modernes herz erfillt mit graus:
den alden marchtplatz laßt uns barzellieren;
da schlag‘ mer heidenmäß’ge gelder ‚raus!
ooch gibbt’s hier noch in gansen
zeviel andike flansen:
wie dick so’n eichboom dud, ’s is ä skandal!
wenn holz‘ mer endlich nieder ’s rosendhal?!

ja ja. ’s is noch recht vielerlei ze leisten,
was beinah menschenkräfde iewersteigt;
drum laßt uns wieden „mit vereinden feisten“,
denn ach! ’s zermeerscheln is oft gar nich leicht!
de hacke hoch, ihr brieder,
un saust se schwungkvoll nieder,
dann singkt’s bekeistert in de lifde ’nein:
mir sin vandalen, woll’n vandalen sein!

aus: mit einem reh kommt ilka ins merkur, hrsg. v. frauke hempel u. peter hinke, illustr. v. thomas m. müller, leipzig: connewitzer verlagsbuchhandlung, 2005, s. 16/17.

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