endstation sehnsucht

tramkörperliche und seelische nähe oder optimal beides zusammen bergen ein versprechen der vertrautheit in sich. ungemütlich wird tuchfühlung immer dann, wenn man sie nicht aus freien stücken wählt, wenn der körperkontakt mit fremden ein erzwungener und unausweichlich ist. eine überschreitung der persönlichen und intimen distanzzonen aus platzmangel oder taktlosigkeit lassen den streßpegel ansteigen. der wunsch nach intimität prallt in der tram, im bus oder der u-bahn kontraproduktiv auf die rolle als unfreiwilliger laiendarsteller für den wachschutz und führt im nahverkehr häufig zum öffentlichen psychosenaustausch. der waggon wird während der rush-hour zur menschenpresse. einzelpersonen belegen grundsätzlich zwei sitzplätze nebeneinander, entweder wegen ihrer körperfülle oder wegen ihrer prall gefüllten taschen als platzhalter oder aus ignoranz oder aus dem wunsch nach einsamkeit im menschenbad.

baden oder duschen könnte der ein oder andere muffelfahrgast auch mal wieder. man riecht den abgestandenen verdauungsbrodem des döners mit viel alkoholischer spülung vom vorigen abend und das morgendliche bad des esels nicht in milch, sondern in süßlichem parfüm oder beißendem rasierwasser. dabei müssen üble stinker laut beförderungsbedingungen draußen bleiben. leider kann man sich selbst so schlecht riechen. die mundwinkel hängen der mobil-unfidelen menschenmasse vor lauter ungesprächigkeit bis in den dreck. die ohren sind zugepfropt mit kopfhörern, aus denen der sound ertönt, der im gesicht des lauschenden stimmungsidentisch den abgestumpften, matten augenschein erzeugt – moll und baß, große pauke, dröhnende wagner-hörner. dazu ein paar erbärmlich elektronisch-verzerrte klassikermelodien, dumpfbeats, schlagerklingeltöne oder radioraufundrunterdudelsongs. der einzige lichtblick ist der nothaltknopf.

an jeder haltestelle wird die menschenmasse wie kaugummi in den zahnlücken neu verschoben. dann fühlst du zwar den ellenbogen nicht mehr in der magengegend, dafür kriegst du alle paar sekunden den schwanzhechelnden zopf einer hyperhalsmobilen modepüppi um den milchbart geschlagen, als hätte man sich mit der neunschwänzigen katze zu einer foltersession verabredet. nur weil dein gesicht einfach nicht aus dem weg gehen kann, weil untenherum die füße von zwei stilettos an den boden genagelt werden, wirst du als geißel der menschheit mit einem echthaarrasierpinsel massakriert und beginnst innerlich zu schäumen. es bleibt die hoffung auf die seifige wirkung des schaums bei der wortwahl, die dem ums maulstreichen ein ende bereiten soll. haare auf den zähnen zu haben, das hatte ich mir doch nur sinnbildlich vorgestellt. theoretisch und praktisch bevorzuge ich zahnglatze.

da kommt dir der glückliche umstand zugute, daß ein dreisitzer in personalunion aussteigt und niemand nachrückt. dein pech ist, daß du nun auf augenhöhe mit der boulevardzeitung von heinz-otto werner sitzt, dessen fingerdicke brillengläser nicht ausreichen, die ultragroßen lettern noch aus der schoßhaltung zu erkennen. die dame im spitzenunterhöschen von seite x landet beim umblättern so dicht vor deinem auge, daß du kurzzeitig beim blinzeln die horrorvision hast, sie kratze dir innerhalb von sekunden das auge bis zum sehnerv aus. dem stehenden mitleser entfleucht hingegen ein jämmerlicher laut des bedauerns, weil er nun nicht mehr mit rundungen verlockt wird und er sich auf die schnelle auch nicht die nummer der sexhotline merken konnte, sondern der bürofrust laut tageshoroskop vorprogrammiert ist. vermied er zunächst jeglichen blickkontakt, senden seine augen nun weiträumig signale der ärgersuche. das schafft abstand ohne anstand und platz für meinen aussteigerwunsch. steigen über ausgestreckte beine, aktenkoffer, vorbeihangeln an rucksäcken, sehnsuchtsvolles warten auf das öffnen der türen. meine endstation. ich laufe lieber. und beim nächsten regen nehme ich gore-tex-umhüllt wieder den drahtesel.

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