zwischen ekel und schaulust

libelle1auf der suche nach ausgemusterten möbeln mit dem charme des fast verlorenen, abgelebt und dennoch brauchbar, klapperte ich gestern sturmzerzaust ins zeughaus leipzig. über mehrere etagen stapeln sich dort antiquitäten, haushaltswaren, schilder, alte unterrichtskarten und staub, trödel, verhangen vom geruch des beinahetodes. ich blätterte im fotoalbum einer wohl zerbröselten familie. kein nachfahre hatte das erinnerungsstück mit den alten schwarzweißfotos haben wollen. so landete es beim entrümpeln in den händen eines menschen, der die dokumente der vergangenheit archivierte und damit florierenden handel treibt. so weit nichts ungewöhnliches – ein ganz normaler spätsommertag. bis ich einen raum betrat, der – nichts außergewöhnliches verkündend – mit den worten gegenstände haussner beschildert war und ein déjà-vu erlebte. keine zwei wochen ist es her, daß ich im blog einen beitrag über wunderkammern und jagdtrophäen schrieb, die ich bis dato eher aus lokalen mit trachtenambiente, naturkundemuseen, biologiekabinett und schaukästen mit historischen medizinischen foltergeräten im gebäude der caféteria des klinikums st. georg kannte oder hinter den rankenden mythen der fremdkörpersammlung von gynäkologen/urologen vermutete.

robert haussner hat sich auf den an- und verkauf sowie die inszenierung von medizinischen geräten und tierpräparaten spezialisiert. nach der überwindung  erster ekelaffekte und des schocks näherte ich mich den dort arrangierten abject art objekten mit einer nicht zu leugnenden faszination am postmortalen, geschützt lediglich durch kamerasucher und vitrinenglas. was machen chirurgen, pathologen und biologen anderes, als ihren ekel zu bezwingen, um den narkotisierten patienten, leichen oder tierkadaver mit wissenschaftlichen verfahren zu erkunden, in ihre im innersten verborgenen krankheitsherde vorzudringen oder die todesursache zu bestimmen. so mancher, der weiterleben will, muß sich schon zu lebzeiten zerschnippeln/flicken lassen und von funktionsunfähigen organen, wachsenden steinen oder wuchernden tumoren trennen, sonst würde die natur den lebenskreislauf schneller beenden. deswegen bin ich trotzdem kein arztserienjunkie und vermeide blutige tv-dokumentationen modernster operationsmethoden. auch das video einer magenspiegelung gehört nicht zu meiner dvd-sammlung.

die ästhetik von haussners objekten changiert hingegen zwischen surrealistischem kuriositätenkabinett von maïssa toulet und gunther von hagens körperwelten, zwischen fragilen lichtbrechungen im vitrinenglas und den glasgefäßen, op-lampen, menschenmodellen, bohrmaschinen, schädeln und skeletten, hundefellvorleger, korallen, muscheln, in formaldehyd präparierten tieren und mumifiziertem hasen mit abgezogenem fell. letzten endes ein veritables zeugnis und ergebnis der reizüberflutung. nichts für zartbesaitete gemüter. darum sollte, wer die bildergalerie betrachtet,  nicht von einem pathologischen ideal des schönen beseelt sein, sondern mit dem häßlich-gräßlichen schrecken toter materie und  ironischer brechung des ekels vor dem ekel rechnen. auf dem heimweg rebellierte zwar mein magen einen knurrenden hungeraufstand herbei, allein konnte ich diesen nicht erhören. als ich an einem schaufenster mit dem slogan schöner mit döner vorbeifuhr, wurde mir kurzzeitig speiübel. mal wieder ein vegetarisches wochenende.

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