knallwaden

für ein interessantes fotomotiv lege ich mich schon mal in den schnee oder auf den boden. der schmutz macht mir nicht viel aus. schließlich hat kleidung nicht nur eine modische, sondern vor allem auch eine wärmende und schützende funktion. äußerlich ist der straßendreck ab- und auswaschbar. für die innere waschung muß schon jeder selbst ein reinigungsritual entwickeln, wobei fastenkuren den geist nicht unmittelbar entgiften. für das diesjährige sommermotiv wollte ich mich partout weder bücken noch niederknien, ja nicht mal die kamera aus der tasche fummeln. vielleicht war es letzten sommer auch nur kalt oder ich war blind. jedenfalls sind mir in diesem sommer frappierend viele tätowierte waden vor die augenlinsen gesprungen.

zunächst bemerkte ich eine frau mit porzellanteint zu schwarz gefärbten haaren, gekleidet im rockabilly-style: petticoat und gepunkteter rock, kindchenhafte haarschleifen in den geflochtenen zöpfen und lackhandtasche. nachdem ich die auffällige kleidung gemustert hatte, wanderte mein blick auf die waden. ich entdeckte tätowierte strumpfhosennähte, die wiederum mit eintätowierten schleifen kurz unter den kniekehlen endeten. etwas martialischer ist der look bei den männlichen wadentattoos. zu kurzen cargohosen, schlappen mit oder ohne socken sieht man auf mehr oder minder muskulösen waden tribals und fantasymotive. dieser modetrend muß wohl in engem zusammenhang zur beinrasur bzw. ganzkörperenthaarung aufgekommen sein. während aus der polohemdknopfleiste immer noch  veritable, virile brustbehaarung quillt, herrscht sonst von kopf bis zu den zehen vollkommener kahlschlag. irgendwie erinnert mich das gaaanz entfernt an die tätowierten schweine des belgischen künstlers wim delvoye.

wahrscheinlich war die kniestrumpfmode zum rock im vorjahr dann doch etwas zu warm oder zu fetischlastig. womöglich entpuppte sich der manga-schulmädchen-look als lästiges lockmittel. und wer will schon wie in japan als kindfrau in einem separaten u-bahn-waggon fahren müssen, weil ungezügelte lolitaphantasien manche männer zu grabschern mutieren lassen. also wie die yakuza menschliche härte auf der haut demonstrieren. ich höre schon die feministinnen zetern, daß sichtbare haut und kleidung kein verführungsmittel und keine aufforderung zur fleischbeschau sind. na, selbstredend. drum werden echte vollweiber rasch strumpfband und strapse im richtigen moment blitzen lassen, wenn die argumente ungehört bei besonders renitenten verhallen. das gibt ein hübsches aufmacherbild. vermutlich wird zensursula bald auch noch nabokovs anspielungsreichen und vieldeutigen roman ‚lolita‘ auf den index setzen und überhaupt harmlose klebebildchen mit herzmotiv sowie zu freizügige kleidung für kinder und frauen verbieten, um sie zu asexualisieren. eine verlagerung der objekt-subjekt-beziehung mit null effekt, aber viel hausmütterlichem staubwirbel. und auch die jugendlichen werden hinter glas versteckt. leider ist panzerglas zum schutz des volkes vor seiner eigenen dummheit viel zu kostspielig. unantastbar bleiben ohnehin nur die heiligen jungfrauen der politik mit den tiefen einblicken. manchmal wäre ich wirklich gerne nur eine fiktionale figur.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s