junggesellenmaschinen

stillebenmichel carrouges interpretierte nutzlose junggesellenmaschinen als einen modernen mythos.[1] ein parameter zölibatärer maschinen bildet demnach die aufspaltung in ein maskulines und ein feminines gebiet, in mechanisches und organisches prinzip. beide bereiche schließen sich zu einem kreislauf zusammen, wobei die mechanismen der autoerotik am ende auch zur vernichtung führen können. dem zeichen, der schrift, dem blick, der lust kommt dabei ein ganz besonderer rang zu: sie hinterlassen ihr spuren wie abdrücke auf oder im körper. als beispiele in der kunst und der literatur nennt carrouges unter anderem den unteren teil von marcel duchamps ‚das große glas‘ (‚die braut von ihren junggesellen nackt entblößt, sogar‚), die fünf zweckfreien maschinen aus dem worttheaterroman ‚impressions d’africque‘ von raymond roussel und kafkas erzählung ‚in der strafkolonie‘. alle genannten künstler suchten nach neuen ausdrucksformen für bedeutungsvielfalt, um im gegensatz zum reinen kunstgenuß naturalistischer abbildungen den intellekt bei der rezeption herauszufordern.

was hat dieser kurze kunsthistorische abriß nun aber mit den turntables u.a. modernen formen zölibatärer maschinen gemein?  gegenfrage: was macht ein mittzwanziger, mehr oder minder vegetarisch-eingefleischter junggeselle bei 30 grad außentemperatur und strahlendem sonnenschein? aalt er sich in der sonne am strand und begafft die großen oder mäßig-massigen erfolge von bikinifigurdiäten? nein! ein kurzer blick auf das foto genügt (zumindest mir), um hinreichende parallelen zur gegenwart zu ziehen.

junggeselle4er frickelt an seinen neuen maschinen und musikinstrumenten herum, um diesen verkabelten geräten so etwas wie elektronische musik zu entlocken. zwar finden wir hier eher die mischung aus elektronischem und körperlichem, aber das analoge zeitalter eines duchamp, kafka oder roussel liegt definitiv hinter uns. in der digitalen welt der reproduzierbarkeit bieten sich andere mittel der verfremdung an. dj-mixer, turntables, laptop, keyboard und überdimensionale boxen bilden das equipment für die solo-performance – meistens ohne publikum (außer den nachbarn als zuhörern und einem nahezu unbemerkten besucher). die technik würde ich dabei eher als männliche seite deuten (ja, mädels – wir sind da immer noch in der minderheit!). was aber soll daran weiblich sein? sehen wir das mischen als etwas taktiles an: das drehen an knöpfen und schieben von schaltern am mixer. das intuitive mixen. rhythmisches vor- und zurückdrehen der platten (scratching). oder das schnelle zurückziehen der platte (ein coitus interruptus? nein, backspinning!). all das erzeugt soundeffekte, die durch den körper vibrieren. von den kombinationen und variationen hängt entscheidend ab, ob der beat das blut zum brodeln bringt. ob sich das tönende schwelgen, das schweben der gedanken einstellt.  das spielerisch-kindliche dieser junggesellenmanie erzeugt ähnliche hormonelle botenstoffe wie sex im hirn.

was der mensch sucht? befriedigung. wie er sie findet? ganz unterschiedlich, einfach ausprobieren. auf jeden fall nicht durch passive dummenberieselung mit medialem rauschen.  ich meine allerdings, daß die allzu stoische fixierung auf eine einzige möglichkeit von lebensglück, das der zweisamkeit, eher zu weniger liebenswerten zwangsneurosen (womit wir wieder bei kafka und roussel angekommen sind, duchamp hat dank seines unerschütterlichen humors keine kontaktklemme erlitten) und in die arme unpassender sexualpartner oder lebensabschnittsgefährten führt. aber, was weiß ich schon? mein schreiben ist auch nur eine von zig ausdrucksformen temporärer realitätsflucht. ein substitut, das gut tut. das die melancholie mildert. das die gedanken spielerisch vertieft und erfahrungen mehrt. ein homo ludens à la johan huizinga eben. trauerklöße sind heute leider aus, verlautete es gerade aus der wortküche. ich verschwinde dann mal, um mir etwas genießbares zuzubereiten.


[1] vgl.: carrouges, michel. gebrauchsanweisung. wie werden junggesellenmaschinen identifiziert? in: junggesellenmaschinen (katalog), erweiterte neuausgabe, hg. v. hans ulrich reck und harald szeemann. wien; new york: springer, 1989, s. 74 – 105.

2 Antworten zu “junggesellenmaschinen

  1. Gute Beobachtung. Eine Sache sinnfrei tun ist der höchste Genuss, ist l’art pour l’art. Eine Sache überhaupt tun, statt das Ergebnis nur zu passiv zu konsumieren, ist Leben. Das trifft aufs Kochen genauso zu wie aufs Produzieren von Sound, beides Welt- und Sinnenbeobachtung und experimentelles Erforschen der eigenen Kreativität mit den Mitteln, die man gerade so zur Verfügung hat: Mittel und Wege, Handwerkszeug und Material.

    Feiner Text 🙂

    • vielen dank! ich hab‘ schon lange an der verarbeitung der junggesellenmaschinen geknabbert, bis es sich einfach gestern im hitzkopf ergab. allerdings hat natürlich die theoretische vorkenntnis eine tragende rolle beim schreibprozeß gespielt. was nützt all das wissen, wenn man es nicht anwenden kann? führt das nicht zu gehirnverstopfung :mrgreen:?

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