vom pelz zum pilz?

oelssners-hofblickt man hinter die vergitterte einfahrt in oelßners hof in leipzig, so scheint dort die zeit wieder stillzustehen. der anblick erinnert etwas an den charme der hackeschen höfe in berlin vor ihrer topveredelung.  baucontainer zieren den innenhof seit dezember 2008, wo auch tatsächlich begonnen wurde, das gebäude zu entrümpeln. es ist der letzte verbliebene ehemalige messehof in der innenstadt, der seit jahren dem witterungsfraß ausgesetzt ist. zunächst verhinderten unklare eigentumsverhältnisse den verkauf, dann zu hohe preise. und was geschieht jetzt? haben die banken den kredit gesperrt? weiß irgendjemand mehr darüber?

das ursprünglich prächtige neobarockhaus zwischen ritterstraße und nikolaistraße rottet scheinbar weiter vor sich hin, obwohl der gebäudekomplex an einen privatier aus baden-württemberg verkauft wurde und die eröffnung eines hotels geplant war (geschätzte sanierungskosten 25 millionen euro). zu buchmessezeiten, wo alle zimmer in der innenstadt ausgebucht sind, wäre das vermutlich eine lohnende investition. doch was ist mit den restlichen elf monaten und drei wochen? zu fuß ist man jedenfalls in weniger als fünf minuten am bahnhof, das stadtzentrum liegt vor den toren zu beiden straßenseiten hinaus. das durchgangshaus wurde von 1907 bis 1908 von dem architekten max pommer erbaut. einst handelte man dort mit pelzmode, deren ruf heute allerdings tierschützer zu protesten herausfordert. die modebranche (und nicht nur sie) ignoriert ja ganz gerne das politisch korrekte und schickte bei der letzten winterkollektion models in zusammengenähten resten toter tiere auf die laufstege. und die mit allen kampftechniken vertraute damenwelt trägt das dann auch wieder öffentlich mit dem verweis auf die wärmende und zugleich kostbare hülle. über die tierzucht und schlachtung nachdenken? i wo! an diesem ort wird der pelzhandel in den nächsten jahren sicher keine neue blüte erleben, sondern scheinbar nur das unkraut aus den dachrinnen sprießen. was die händler in der innenstadt nicht mehr gut verkraften würden, wäre ein weiterer einkaufstempel. die shoppingsüchtigen kommen in leipzig auch bei regen dank der passagen und messehöfe beinahe trockenen leibchens von laden zu laden, um sich dort mit neuesten errungenschaften einzudecken.

schade, wenn das haus noch weiter verfallen würde, bis die bausubstanz nicht mehr zu retten wäre (vom pelz zum schimmelpilz) und der abriß unvermeidlich ist oder einkalkuliert war. muß ich mich wohl mal zur bronzefigur von dr. faust (nicht klitschko, der von goethe) vor auerbachs keller aufmachen. der bildhauer mathieu molitor schuf die figurengruppe zu szenen aus der tragödie erster teil. einem aberglauben nach soll das begriffeln von fausts linkem fuß, der vor lauter wunschdenken schon ganz speckig glänzt, glück bringen…

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