sprühkraft

‚demokratie versprühen‘ – so nannten sich der workshop und ein battle des graffiti vereins leipzig. mitte mai trafen sich die straßenkünstler, um sich in theorie und praxis mit dem thema auseinanderzusetzen. das ergebnis kann man seit mitte juni in der arthur-hoffmann-straße  an einer hausfassade kurz vor dem bayrischen bahnhof sehen. farblich paßt sich das graffito wunderbar in die umgebung mit der brachfläche ein. unter dem hausgiebel prangt der schriftzug ‚demokratie versprühen‘. ich habe das bild extra groß hochgeladen, damit man auch die schriftzüge auf den kleinen transparenten sehen kann, wenn man das foto vergrößtert. dort wurden teilweise die politischen parolen der demokratieverfechter aus dem herbst 1989 von den montagsdemonstrationen dargestellt: ‚wir sind das volk!‘, ‚keine gewalt!‘ und ‚freiheit‘. dazu gesellen sich die zeitgemäßen versionen ‚demokratie vermalen‘, ‚anties‘ und ’nerd for love‘. man kann das projekt auch als aktiven beitrag zur politischen bildung jugendlicher deuten, denen ddr-geschichte und wendezeit manchmal durchaus unter einem nostalgisch-verklärten blickwinkel vermittelt wurde.

während weder in der ratsversammlung am 17.06.2009 noch im kulturausschuß des bundestags irgendwelche ergebnisse über die standorte der ‚freiheits- und einheitsdenkmäler‘ in leipzig und berlin erkennbar sind, d.h. die wettbewerbe immer noch nicht ausgeschrieben werden, darf sich der graffiti verein nun der sprühkraft rühmen, noch vor dem offiziellen 20. wendejahrestag am 9. november einen ort des erinnerns erschaffen zu haben. ich kann nicht mal sagen, ob das ein privathaus ist oder ob das haus einer immobiliengesellschaft gehört. auf jeden fall sieht das gebäude nun – wie ich finde – besser aus als mit den tags vorher. in leipzig kommen immer mehr hauseigentümer auf den geschmack, sich die fassaden mit legaler street art aufzuhübschen. das muß auf lange sicht wohl wesentlich preisgünstiger sein, als alle paar tage ein paar schriftzüge übermalen zu lassen. es gibt hier fast kein verkehrsschild, kein regenrohr, keinen stromkasten, keine fassade mehr ohne diese signifikantenwut. wahrscheinlich besteht das dilemma aber darin, daß der reiz des verbotenen und der kapitalvernichtung fehlt, wenn flächen zum sprayen freigegeben werden. oder wie sieht man das in der szene oder als eigentümer?

demokratie_verspruehen

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