vom konjunktiv zum aktiv

vor genau drei monaten schrieb ich an dieser stelle meinen ersten blogbeitrag. ich möchte die gelegenheit zum feiern und zum dank nutzen, nicht um mit statistiken zu langweilen. ich halte zahlen im mathematischen sinn zwar für nützlich, aber statistiken lösen in mir immer ein unbehagen und eine gewisse skepsis aus. ein ganz besonders großer dank geht nach berlin, wo ich meinen geistigen mentor an der universität getroffen habe, der mich in der kunst des hinterfragens lehrte und bei mir einen ekel vor der selbstlüge einpflanzte. das sind zwei nützliche werkzeuge zum enttarnen von mißständen. wenn ich mit der feile scheitere, dann benutze ich eben die raspel oder gleich den schneidbrenner. aus berlin stammen auch die unerbittlichen nachfragen, warum ich denn nicht endlich bloggen würde. und so schreibe ich, führe das tastatürliche selbstgespräch, bringe gedanken in fluß, knoten, irrungen, gegensätze, stelle sie zur diskussion, hadere, verwerfe, suche, recherchiere, vergleiche, demontiere und dämoniere. nichts wirkt fertig, unantastbar, fehlerfrei. alles entsteht, um im wortaustausch weitergesponnen zu werden.

dahlie

die farbe orange – ein symbol für unabhängigkeit und für fruchtbarkeit (im sinne von geistesanregung). diese dahlie wurzelt weiter in der erde. so sehr ich die schnittstelle internet auch schätze, schnittblumen wären hier genau das falsche signal, das ungewollte abschneiden von der global vernetzten gedankenwelt. dieser virtuelle blumengruß gilt meinen lesern; den regelmäßigen, den temporären; denen, die erheiterung suchen und auch auf gegenteiliges stoßen; denen, die kleben bleiben an der fliegenfalle; ja sogar denen, die mich im geiste verwünschen, mich aber nur verbal vernichten können. anonymität macht weder unverletzbar, noch unauffindbar, noch verletzend. ich werde mich nicht daran orientieren, was andere lesen wollen, sondern weiterhin daran, was ich ausdrücken möchte. jetzt ist aber der moment, wo ein berg arbeit nach mir schreit und ich deswegen eine von mir hochgeschätze dame zu wort kommen lassen möchte – mascha kaléko:

einmal sollte man…

einmal sollte man seine siebensachen
fortrollen aus diesen glatten geleisen.
man müßte sich aus dem staube machen
und früh am morgen unbekannt verreisen.

man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
um acht uhr zehn den omnibus besteigen.
man müßte sich zu baum und gräsern neigen,
als ob das immer so gewesen wär.

man sollte sich nie mehr mit konferenzen,
prozenten und aktenstaub befassen.
man müßte konfession und stand verlassen
und eines solchen schönen tags das leben schwänzen.

es gibt beinahe überall natur,
– man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen –
und so viel wiesen, die trotz sonntagstour
auch werktags unbekümmert weiterblühen.

man trabt so traurig mit in diesem trott.
die andern aber finden, daß man müßte…
es ist fast, als stünde man beim lieben gott
allein auf der schwarzen liste.

man zog einst ein lebenslos <zweiter wahl>.
die weckeruhr rasselt. der plan wird verschoben.
behutsam verpackt man sein kleines ideal,
– einmal aber sollte man… (siehe oben!)

(quelle: mascha kaléko. das lyrische stenogrammheft. gedichte aus der welt der großstadt, rowohlt taschenbuch verlag, hamburg 2007, s. 74)

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2 Antworten zu “vom konjunktiv zum aktiv

  1. „Es ist kein Zeichen von Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.“ — Jiddu Krishnamurti

    In diesem Sinne alles Gute zum dreimonatigen Jubiläum! Ich freue mich auf weitere spannende, gesellschaftskritische und nachdenkliche Beiträge.

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