kultobjektkunst

zynisch blickt der künstler marcel tasler auf unsere gesellschaft. er präsentierte bei der werkschau in der baumwollspinnerei in leipzig eine gallenbittere assemblage, die sich umfassend mit weltanschauungen, religion, gesellschaft, politik, konsum, werbung und indoktrination auseinandersetzt. leider war der standort für sein objektkunstwerk ziemlich unglücklich in einem engen gang gewählt (oder gehörte es dazu, daß ich mich fotografierend  immer mit dem rücken an der wand lang, von oben bis unten mit weißer kreide beschmierte?), so daß ich hier mit zwei fotos aufwarten muß, um einen eindruck zu vermitteln.

flipper2auffällig sind zunächst die verschiedenen kreuzformen und kultobjekte. kirchenkreuz und hakenkreuz als kultiges interieur. die untere schublade des raumteilers läßt sich nach belieben herausziehen, um die rechte gesinnung je nach laune zu offenbaren oder schlecht zu kaschieren. auch die tigerente wurde in hakenkreuzform angefertigt. sie ergänzt das dunkelbraune nationalistisch-unheimelnde mobiliar um die thematik des markenkultes. ebenfalls als dekoration sehen wir oben links den heiligen gral aus weißem glas mit pompons, der zugleich die geschichte der mythen refklektiert. daneben steht ein füllhorn, das überfluß und reichtum als maß des glückes symbolisiert. an den wänden hängen drei bilder. eine silhouette mit einer menschenkette aus anhängern des rassistischen geheimbundes kuk-klux-klan. darüber die persiflage auf die fernsehreligion mit den film- bzw. serienstars flipper (delphin) und lassie (collie, falsche schreibweise oder meine fehlinterpretation).

flipper1im rechten bereich des wandelbaren hakenkreuz-raumteilers sehen wir eine stoffpuppe liegen. sie ist vollkommen verstümmelt, und erinnert – klein und unscheinbar wie sie ist – an die opfer (auch des faschismus). sie liegt im halbdunkel, fast dem vergessen anheimgegeben. an der wand das dritte bild, eine kombination aus typischem landschaftskitsch und heimatgedöns, allerdings verfremdet. diese heile eia-popeia-welt existiert nicht mehr für den denkenden menschen. die landschaften sind mit müll überzogen. der mensch hat den blick für die naturschönheit verloren, mit einer schwarzen mülltüte über dem kopf. die bildsprache scheint einfach und ist in ihrer menge dennoch verwirrend. alle dargestellten themen haben nicht an aktualität verloren. die theologin, friedens- und umweltaktivistin dorothee sölle benannte diese gesellschaftlichen tendenzen denn auch als christofaschismus.

als ich all diese un/menschlichen schöpfungen angeordnet sah, war ich erschöpft. zwar fehlt die kreisform des hamsterrades, der kreis ohne anfang und ende, die unendlichkeit. aber eben gerade dieser mangel verweist auf die eigene endlichkeit, in der man sich der tyrannei in vielfältigster weise aussetzt, oft ohne aufzubegehren oder erst, wenn es zu spät ist, wenn die verluste die eigene existenz bedrohen. das prinzip hoffnung befreit leider nicht von der eigenverantwortung. hoffnung ist keine ergebenheit gegenüber einem unabänderlichen los. äußere anpassung, das zeigt die ungemütliche inneneinrichtung, zieht unweigerlich auch eine vereinnahmung und verstümmelung der denkweise nach sich. gleichschaltung lautet hier die altbekannte gefahr, der außenzensor wird zum innenzensor, weil man auf keinen fall seine bequemlichkeit, seine  innere ruhe aufgeben möchte. freiheit mit einem schwarzen müllsack über dem haupt? wie soll das bitte gehen? ich ziehe das düstere plastikding jetzt mal wieder vom kopf runter und atme tief durch. schon viel besser! ich sehe die götzenbilder und versuche sie mit röntgenblick zu analysieren.

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2 Antworten zu “kultobjektkunst

  1. aha…ruf mich an, per mail…

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