ausblender

ich habe lange gehadert, ob ich mir angie m. in der baumwollspinnerei in voller länge gebe, also mit eigenen ohren die eröffnungsrede höre, oder ob ich mich dem trubel drumherum entziehe. gegen anwesenheit auf der jubiläumsfeier in leipzig sprachen vor allem: medienrummel (also puschelmikros und kameramänner, die ohnehin jegliche sicht versperren), politische floskelsprache halte ich für zeitverschwendung, und prominentengeile zuschauer jagen mir mit oder ohne zu schauer über den rücken. dennoch hat mich das interesse am grund für den besuch nicht losgelassen. und so habe ich mir gegen meine gewohnheit die berichterstattung auf dem heimatsender mdr als livestream angetan und doch nur zeit verplempert. kuschender kuschelkurs anstelle von kritischem journalismus. es deckt sich mit der erwartungshaltung und ist zu begründen.

mdr sachsenspiegel (20.6., 19.00 uhr) kündigte die frage an, ob merkel nur wegen des wahlkampfs oder doch aus interesse angerückt sei. antwort? keine! angie zeigte sich neben neo rauch, neben stanislaw tillich, mit bertram schulze (geschäftsführer spinnerei), bewunderte das ein oder andere kunstwerk, stellte fragen. mdr aktuell (heute 19.30 uhr, ich kann keine direktlinks zu den sendungen setzen, da sie in der mediathek im moment noch nicht online sind) zeigte den von journalisten umspinnten gast aus anderen blickwinkeln (kameramann 2 und eventuell 3), aber in ähnlichen personenkonstellationen. o-ton merkel zur besichtigung der werkschau: ‚das war ein sehr spannender besuch, sehr eindrücklich. das ist ein sehr inspirierender ort, der hinreichend raum zum nachdenken läßt.‚ spannend, inwiefern? nachdenken, worüber? inspiration, wofür? da hätte man doch gleich die tonspur weglassen können, weil – über kürzungen im kunstbereich kann mal wohl schlecht während des wahlkrampfs laut nachdenken. wer kreuzchen will, muß harmlos tun.

was die fernsehbilder aber komplett ausblendeten und auch die dazu verlesenen beiträge, das wäre ein unangemeldeter zwischenfall während der eröffnungsrede der bundesfrau zu nennen, auf den niemand vorbereitet zu sein schien. ein student nahm sich die freiheit, angies rede mit dem megafon zu übertönen und wies auf den bildungsstreik hin, während eine studentin am podium ein schreiben zu den protesten übergab und dann von einem sicherheitsbeamten weggeführt wurde.

merkel versuchte erst abzuwiegeln („sie können ja gleich den bildungsstreik machen; ich mache jetzt meine rede fertig.“), wandte sich dann aber mit witz an den megafon-redner: „pass mal auf, ich habe hier gerade eine schrift bekommen. wir machen jetzt so eine art friedliche koexistenz: jetzt spreche ich – und dann lese ich.“ am ende ihrer rede sagte sie an die adresse der protestierer, die längst wieder in der menge verschwunden waren: „deutschland weiß, dass es nur eine zukunft hat, wenn wir in unsere bildung investieren. (quelle: lvz online).

kurzzeitig hatte sie wohl ihre contenance verloren, wechselte irritiert vom sie zum du, so perplex war die alleinreden-verwöhnte ob der unterbrechung. auch auf spiegel-online wurde darüber berichtet. aber der mdr, die medialbeglückung der rinderherde, verschwendet lediglich auf der internetseite von mdr aktuell ein paar zeilen. fernsehbilder? ach, wozu?! zumal auf dem podium, hinter dem angie mit einnehmendem lächeln die menge anhimmelte und geschichtskurse in sachen baumwollspinnerei vortrug, sinnreich aufgedruckt war:  125 jahre (in einem kreis) und darunter der schriftzug spinnerei. glücklicherweise dauern wahlperioden für kanzlerinnen auch nur vier jahre. und noch gibt es kein mittel für das ewige leben. was für ein hoffnungsschimmer…

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Eine Antwort zu “ausblender

  1. „und noch gibt es kein mittel für das ewige leben“

    Die Ironie solcher Worte ausgerechnet aus dem „Furz der Geschiche“-Abklang is unübertrefflich.

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