kreativer kunstprozeß in der pilotenküche

spinnereigelände

die baumwollspinnerei in leipzig ist eine riesige kunstbaustelle. wenngleich nicht immer mit den besten bedingungen für die dort arbeitenden künstler und galeristen. im atelier eines installationskünstlers mag der aufbaucharakter noch angehen, aber wenn es wie beim armen poeten überall reinregnet, dürfte das äußerst unangenehm für künstler und kreation sein. die baufälligen backsteingebäude wirken dennoch gerade in ihrem unsanierten zustand wie etwas, das vom altern ohne bedauern stumm berichtet.

während in den galerien nur die fertigen kunstprodukte zu sehen sind, wie beim galerierundgang, kann der besucher in der pilotenküche in halle 18 einblicke in den künstlerischen schaffensprozeß erhalten. in den räumen stehen neben staffelei, werkzeugkasten, farben und anderen materialen teilweise auch die betten und schränke von künstlern, die sich für vier monate dort zum arbeiten einquartiert haben. für die ausstellung ‚habidere‘ im frühjahr 2009 waren das markus bacher, tobias hild, stefan maier, christoph mayer (initiator), heike schäfer und eben lutz-rainer müller. das projekt vernetzt regemäßig seit 2007 jeweils drei künstler aus wien und drei aus leipzig für die gruppenausstellungen. 

da es offensichtlich unmöglich war, die entstehung der rußkunstwerke von lutz-rainer müller vor publikum zu präsentieren, ohne dabei ein großaufgebot an feuerwehrleuten in den ausstellungsateliers zu postieren, habe ich leider nur eine geringe vorstellung davon, wie er beispielsweise die nahezu regelmäßigen muster auf wand und papier gebracht hat.

ruß_kunst

freilich wirkt das papier ein wenig lädiert an den blatträndern, gleichwohl ahnt der rezipient etwas von der schönheit des feuers und des rußes. nicht umsonst glotzen viele zu hause in einen kamin und lauschen entspannt dem knistern der verbrennenden holzscheite. die flammen haben in diesem werk, das sich über die gesamte wand bis zur decke des ateliers erstreckte, ihre zerstörerische kraft verloren, die nur einen verkohlten haufen zurückläßt und die erinnerungen. ungeachtet der schönheit würde ich kindern und topfanbrennern dringend von der nachahmung abraten. kunst entsteht nicht automatisch beim kokeln.

russ_torso

an dem loch dieses ruß-torsos kann die rasche hitzeentwicklung bei einem so leicht entflammbaren material wie papier hinreichend studiert werden. oder doch die an funken leicht entzündliche erregbarkeit des menschlichen gemüts? das werk läßt mich an wärmebildkameras denken, obwohl das farbspektrum dort gänzlich anders ausfällt. ein wenig aber auch an narben, verrinnende zeit und an einen menschen mit tigerfell, obschon das auch nur falten und schatten im beckenbereich sein könnten. dazu gesellt sich die erinnerung des geruchs an verbranntes papier. die werke brennen ohne den schrecken der vernichtung, ohne den körperlichen schmerz einer verbrennung, sondern mit der entstehung von sanft-schimmernden schattenbildern aus ruß. sie haben sich in meine erinnerung eingebrannt. und wenn ich mich demenzbedingt irgendwann nicht mehr daran entsinnen sollte, helfen mir vielleicht die fotos auf die sprünge.

und noch mal: nicht zündeln… versprochen!?

Eine Antwort zu “kreativer kunstprozeß in der pilotenküche

  1. axeldanielreinert

    Das passte einfach zu gut!
    Euer Foto von der Spinnerei und dazu der Artikel über die Pilotenküche.
    Da musste ich beides klauen und auf meinen Post setzen. Seht selbst, und verzeiht mir:
    http://axeldanielreinert.wordpress.com/leipziger-fenster/meet-the-new-pilots-pilotenkueche-leipzig/

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