kitsch-bombenattentat in serie: ‚being erica‘

søren kierkegaards viel zitierte erkenntnis ‚leben läßt sich nur rückwärts verstehen, muß aber vorwärts gelebt werden‘ trifft den kern der kanadischen serie ‚being erica‘. die vorankündigungen klangen verheißungsvoll. die grundidee der serie basiert auf den reisen von erica strange in ihre vergangenheit (für mein empfinden keine allzu schwierige). in der ersten folge wird der charakter als eine problem-anfangsdreißigerin eingeführt: studiert, aber in der arbeitswelt und im privatleben nicht angekommen, single mit neurosen und einer vielzahl an komplexen. gähn, die welt ist voll von unnormalen menschen, verrücktheit eine modische attitüde.

prinzessin merkwürden begegnet gaaanz zufällig dem ebenso mysteriösen psychotherapeuten dr. tom, einem wandelnden zitatelexikon. jede katastrophe, jede falsche entscheidung ericas wird mit dem passenden spruch eines allgemein anerkannten philosophen oder schriftstellers untermalt, was in 13 folgen relativ zügig abgedroschen wirkt. dr. tom erscheint nach belieben und schickt die affektierte sinnsuchende nach jedem weiteren mißgeschick zurück in die vergangenheit. prinzipiell wird dazu die rückblende genutzt, was dann im verlauf  der serie bei mir dazu geführt hat, den immer wieder gleichen ausdruck der überraschung im gesicht der darstellerin bemitleidenswert gekünstelt und unglaubwürdig zu empfinden.

die dramatik einiger situationen wird nur allzu oft in bonbonsüßer romantik verdünnt. aufarbeitung von vergangenheit und neubewertung alter entscheidungen entwickeln zwar neue reibungsflächen und bringen verluste mit sich, doch werden die konflikte letztlich in einlullendem wohlgefallen aufgelöst. das fortschreiten der seelenwanderung zwischen den zeiten bewirkt  keine großen brüche im leben der protagonisten. partnerwechsel hier und da, ein bißchen streit mit der familie und den freunden, fremdgehen, vertrauensbruch, plötzliche karriere – die klassischen dramenstoffe mit ein paar läppischen platzenden seifenblasen. dazu eine prise grimmsches märchen (das häßliche entlein), drei tropfen 80er jahre nostalgie, noch eine messerspitze psychologie für jedermann und eine tasse voll lebensweisheit – fertig ist die seifenoper.

das gut gemeinte serienkonzept, philosophie und psychologie als lebensnahe wissenschaft zu vermitteln, scheitert an deren trivialisierung. da funkioniert die angewandte satirische kulturwissenschaft und gesellschaftskritik der ’simpsons‘ wesentlich besser.

wenn schon mit der zeitmaschine gespielt wird, dann doch bitteschön lieber zur erschaffung eines phantasiedeliriums (fiktion vs. alltag) und nicht lediglich zur selbstverwirklichung einer mitleid heischenden, vor kitsch triefenden neoromantikerin. als rezipient der zielgruppe kann ich nur zerknirscht mit kirschbomben werfen, die ohnehin kurz vor dem ziel zerschmolzen sind. fazit: konsumierbar für ewig mädchenhafte frauen, die gerne pop hören und jedem trend hinterherhecheln.

apropos popkultur und 80er-revival – meine nachbarn lassen mich gerade großzügig an ihrer greatest hits sammlung teilhaben. eben dudelte  ‚cheri cheri lady‘ von ‚modern talking‚, und jetzt wird die cd mit der skip-taste nach dem nächsten ohrenfolterknecht durchsucht. na, gute nacht dann!

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