system:fluch:t – kindheit im s:pionier:getriebe

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das foto wurde während der 4. berlin biennale in einem ehemaligen jüdischen mädchengymnasium in der auguststraße in berlin-mitte aufgenommen. zu ddr-zeiten war dort die bertolt-brecht-oberschule untergebracht. natürlich gehörte der abbröckelnde schriftzug nicht unmittelbar zur ausstellung unter dem motto ‚von menschen und mäusen‘. dennoch paßte gerade dieses gebäude perfekt in das ausstellungskonzept. als ich das bild jüngst wieder in meinem bilderordner entdeckte, löste es eine erinnerungslawine aus,  im einklang  mit dem derzeitigen trend der inflationären veröffentlichung von büchern mit ddr-thematik.

vielleicht sind die 20 jahre seit dem systemkollaps für einige ein anlaß für ein jubiläum (eine feier für oder gegen den untergang der ddr?). ich habe weder sehnsucht, noch nostalgische gefühle. aber auch ich bin bereit (nicht immer bereit – wie der pioniergruß suggerierte), mich auf die suche nach fundstücken zu machen, literarische wiederentdeckungen zu würdigen (brigitte reimann, christoph hein, heiner müller), in dokumenten und archiven zu stöbern… ich will die prägungen aufspüren und neu einordnen. es war, wie es war. was ist aus dem war geworden? auch erinnerungen brauchen manchmal ein staubtuch.

was für eine wunderbare vorstellung, einfach den fluchtweg zu nehmen, um aus den systemzwängen der ddr vor november 1989 ausbrechen zu können. dieser hang zu massenorganisationen, zur uniformierung schon im kindesalter, war typisch für meine generation. 1978 eingeschult, kurz darauf automatisch als jungpionier rekrutiert, ab der 4. klasse als thälmannpionier, ab der 8. klasse als mitglied der fdj.

kindern aus religiösem elternhaus blieb die typische politische kinderschulung größtenteils erspart. meine mutter war parteilose lehrerin, arbeitete aber als horterzieherin (mehrmals täglich wurde ich ermahnt, nie, nie, nie auch nur  ein sterbenswörtchen über das ‚westfernsehprogramm‘ zu erwähnen). und so blieb mir der weg in die freiheit und individuelle freizeitgestaltung einmal wöchentlich verstellt. die mittwochnachmittage gehörten nicht mir, sondern dem staat. die stunden wurden ausgefüllt mit spenden- und altpapiersammlungen. wohin das geld floß, ist mir bis heute schleierhaft. in erzwungen geselliger runde wurde sozialismus glorifiziert und linientreu debattiert. ich kann mich nicht erinnern, mich jemals auf einen dieser nachmittage gefreut zu haben.

mit den blauen und roten dreieckstüchern sahen die pioniere doch immer aus, wie ‚echte kameraden‘ der künftigen ‚arbeiterklasse‘ – oder aber wie dressierte äffchen. militärjargon und drill begannen frühzeitig. nur wenn die eltern einen antrag auf ausschluß aus den politischen organisationen stellten, konnten sich kinder anderweitig beschäftigen. das hatte aber auch zur folge, aus der ‚gruppe‘ ausgeschlossen zu werden. schon alleine deswegen habe ich eine freundin ab und an heimlich zum religionsunterricht begleitet (sorry mom!).

etwas besser war dann die schul-ag. erstens konnte man sich selbst aussuchen, welche besucht wird. zweitens war die teilnahme fakultativ. auf diese weise habe ich gemalt, mikroskopiert und grundlegende englischkenntnisse erworben. quasi das intellektuelle gegenprogramm zum massenkult.  da ist der ursprung meines interesses für subkultur und alternative lebensformen zu verorten.

dennoch entspringt genau dieser kindheit und jugend meine ausgeprägte abneigung gegen gesellschaftliche zwänge und pflichten. das fängt bei der betriebsfeier an (selbst wenn die kollegen sympathisch sind) und geht bis hin zur teilnahme an demonstrationen (obwohl ich gegen einige staatliche und unternehmerische entscheidungen innerlich revoltiere). diese widersprüche muß ich dann im privaten austragen. nur widerwillig setze ich mich bei solchen terminen in bewegung, suche nach glaubwürdigen vorwänden. entschuldigtes fehlen aus triftigen gründen war schon damals erlaubt. seinerzeit war es meine kleine revolte, geigenstunden zu nehmen, und mich dadurch der massenbewegung zu entziehen. heute heißt es, sozialstreß in maßen zu tolerieren.

ps: übrigens bietet das schulmuseum in leipzig unterricht als rollenspiel in einer polytechnischen oberschule (pos) an. ich muß das nicht noch mal erleben. für menschen, die sich für den alltag in der ddr interessieren und die eine zeitreise machen wollen, ist das sicherlich spannend.

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